Kategorie: Forschung

ADHS – Experten warnen vor falscher Medikation

Schön, dass sich Experten und Krankenkassen mittlerweile zusammentun, um über die medikamentöse Behandlung von ADHS zu diskutieren – und zu warnen. So geschehen beim BKK Mobil Oil Gesundheitstag Mitte Juli 2012. Und was sagen sie?

Rund 600.000 Kinder zwischen drei und 17 Jahre erhalten in Deutschland zur Zeit Medikamente gegen Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS). Jungen bekommen diese Diagnose viermal häufiger als Mädchen. Und: Zwischen 1990 und 2009 ist die Verordnung von Medikamenten gegen ADHS um fast das 200fache angestiegen. Experten gehen heute davon aus, dass viele ADHS Diagnosen falsch sind.

Experten: Kinder oft fehlversorgt

So zum Beispiel Professor Dr. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen. „Es scheint es aus meiner Sicht viele Fälle von Über- und Fehlversorgung zu geben, wenn Kinder, die oft lebhaft oder unkonzentriert sind, vorschnell und ohne adäquate Diagnostik mit Ritalin und Co. behandelt werden.“

Zu Recht wies der Professor darauf hin, dass die Grenzen dieser psychischen Störung bei Kindern nicht eng genug gezogen werden. „Auffällig lebhafte Kinder sind noch lange keine ADHS-Kinder!“ diese Meinung vertrat der Professor in einem Interview zur Tagung der Krankenkasse.

Rahmenbedingungen der Krankenkassen seit 2010

Deshalb gibt es seit 2010 neue Rahmenbedingungen für die Verordnung von Methylphenidat, dem Wirkstoff, der in den meisten Medikamenten gegen ADHS zu finden ist.

So muss beispielsweise eine Behandlung gegen ADHS auf jeden Fall ohne Medikamente beginnen. Und die Medikamente dürfen erst eingesetzt werden, wenn die therapeutische Behandlung nicht erfolgreich ist. In der Behandlung sollen psychologische, pädagogische und soziale Therapiekonzepte auf jeden Fall integriert sein. Weiterhin soll der Einsatz der Medikamente besonders dokumentiert werden und die Unterbrechung dieser Therapie einmal im Jahr, ist Pflicht. Außerdem muss die Behandlung unter Aufsicht eines Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern durchgeführt werden.

Nebenwirkungen

Eine vorschnelle Behandlung von ADHS mit Medikamenten auszuschließen, sollte Eltern wichtig sein. Denn ADHS-Medikamente haben Nebenwirkungen – und zwar auf den ersten und auf den zweiten Blick. So gibt es bei circa 10% der Kinder und Jugendlichen, die mit dem Wirkstoff Methylphenidat behandelt werden, Einschlafstörungen, erhöhte Reizbarkeit, Übelkeit, Weinerlichkeit und Appetitlosigkeit, die auch zur Gewichtsabnahme führen kann. Bei etwa 1% der Kinder und Jugendlichen steigen Puls und Blutdruck. Eine weitere Nebenwirkung kann sein, dass das Kind auf einmal zu Bewegungsstörungen wie Haarezupfen oder Zungenschnalzen, sogenannte Tics, neigt. Das ist medizinisch sicher nicht so gravierend, aber sozial? Damit werden die Kinder dann erst recht zu Außenseitern…

Wachstumsstörungen, Übelkeit, Herzrasen, Aggressivität, Selbsttötungsgedanken – auch diese Nebenwirkungen werden genannt, wenn auch in selteneren Fällen. Es ist eben ein Medikament, mit dem das Kind behandelt wird.

„Nebenwirkung“ Drogenkonsum?

Eine weitere interessante Nebenwirkung zeigen Studien im späteren Lebensalter: Leider greifen Kinder, die von klein auf ihr Leben mit Medikamenten regelten, auch in späteren Jahren dazu, ihre Lebenssituation mit Hilfe von Drogen zu bewältigen.

All das scheint die Bitte des Professors zu illustrieren, sich bei der schwierigen und zeitaufwendigen Diagnose ADHS nicht drängeln zu lassen und dem eigenen Kind nicht leichtfertig Medikamente zu geben.

Noch mehr Info dazu im wissenschaftlichen Artikel des Professors
http://www.mabuse-verlag.de/chameleon//outbox//public/13/193_ADHS_Glaeske-pdf.pdf

Foto: en:User:Sponge

Mehr Kinder mit Sprachstörungen in Behandlung

 Wenn eine Krankenkasse ihre Behandlungszahlen veröffentlicht, gibt das Aufschluss über Krankheiten bei uns. Jetzt hat die Barmer unter anderem Zahlen zu Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen genannt und das Ergebnis ist erschreckend.

Rund 10 Prozent der Kinder haben Sprachstörungen

Laut  Barmer GEK Arztreport 2012 stellen Ärzte bei jedem dritten Kind im Vorschulalter eine Sprachentwicklungsstörung fest. Bundesweit liegt der Anteil an Kindern mit Sprech- und Sprachstörungen bei 10,3 Prozent.Insgesamt sind innerhalb eines Jahres 1,12 Millionen Kinder zwischen 0 und 14 Jahren betroffen.

Jungen häufiger betroffen als Mädchen

Dabei haben Jungen häufiger Sprachschwierigkeiten als Mädchen: Bei rund 38 Prozent von ihnen wird im sechsten Lebensjahr so eine Entwicklungsstörung festgestellt, dagegen nur bei rund 30 Prozent der Mädchen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Behandlung: 20 Prozent aller fünfjährigen Jungen erhalten eine Logopädie-Verordnung, dagegen nur 14 Prozent der gleichaltrigen Mädchen.

Aus den veröffentlichten Zahlen ist nicht ersichtlich, ob eine krankhafte Störung oder nur eine Entwicklungsverzögerung behandelt wurde. Das können wohl die Experten schwer abgrenzen, so die Barmer Krankenkasse.

Ein Erfahrungsbericht

„Die anderen Kinder haben Leo im Kindergarten gehänselt, weil er den ersten Buchstaben jeden Wortes weggelassen hat“ erzählt Susanne von ihren Erfahrungen mit Sprachstörungen beim eigenen Sohn. Nach der ersten Orientierung ging Leo zur Logopädin, über ein halbes Jahr lang, ohne Erfolg. „Er sollte ständig Worte mit „F“ üben, nur diese“, so die Mutter. Nach einem Wechsel kam der Durchbruch: „Die andere Logopädin hat uns erzählt, dass Leo bis jetzt nach alten Methoden gelernt hatte, das konnten wir ja nicht wissen“. Schon nach den ersten Stunden war Besserung in Sicht, heute als Vorschulkind, spricht Leo ganz normal. Gar nicht veraltet waren übrigens die Stundensätze der ersten Logopädin – die private Krankenkasse schätzte sie als zu hoch ein und wollte sie nicht übernehmen. Das klingt ganz so, als wäre die Branche trotz hoher Behandlungszahlen noch nicht genügend professionalisiert.

Vergleiche lohnen

Für Betroffene Eltern kann das nur heißen: Ganz genau nachfragen, wenn sich der gewünschte Erfolg nicht einstellt und auch einmal zu einem zweiten Logopäden gehen oder überhaupt mehrere Anbieter vergleichen. Und ruhig gleich nach dem Stundensatz fragen, und im Zweifel die Krankenkasse ansprechen. Für Leo ging die Geschichte jedenfalls gut aus: Heute ist er vor lauter Spielen mit den Anderen aus dem Kindergarten nicht mehr wegzukriegen.

Zahlen des Berichtes: Barmer

Gesunde Eltern haben gesunde Kinder

Im Rahmen einer deutschen Langzeitstudie haben Wissenschaftlerinnen jetzt den Zusammenhang zwischen der Gesundheit der Eltern und ihrer Kinder untersucht. Bei der Befragung von circa 900 Eltern zwischen 2002 und 2008 kam heraus, dass im ersten Lebensjahr vor allem die Gesundheit der Mutter eine Rolle spielt. Ab dem 3. Lebensjahr beeinflusst auch die Gesundheit des Vaters und sein Gesundheitsverhalten das Wohlbefinden der Kinder.

Für ihre jetzt online in „Economics and Human Biology“ veröffentlichte Studie werteten Forscherinnen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus. Das SOEP ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. Jedes Jahr werden mehr als 20 000 Menschen in rund 11.000 Haushalten vom Umfrageinstitut TNS Infratest Sozialforschung zu den verschiedensten Themen wie beispielsweise Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung und Gesundheit befragt.

Link zur Veröffentlichung der Studie in Economics and Human Biology

Foto: Odl