Das verkaufte Glück – Der lange Weg der Schwabenkinder

Jakob ist elf als ihn seine Eltern das erste Mal ins Schwabenland schicken. Mit einem Rucksack aus einem alten Kartoffelsack laufen er, sein Bruder Kilian und andere Kinder mehrere Tage von Tirol bis nach Ravensburg. Auf dem beschwerlichen Weg müssen sie um Unterkunft und Essen betteln und Vielen gehen unterwegs die Schuhe kaputt.

Ihre Eltern sind arme Bauern und haben nicht genug Geld und Essen für ihre Kinder. Das sogenannte „Schwabengehen“ war bis in die 1950er Jahre gängige Praxis. Von März bis Oktober oder November waren die Kinder bei wohlhabenden Bauern in Oberschwaben zum Arbeiten. Als Lohn bekamen sie das sogenannte doppelte Häs, das heißt zwei Kleidergarnituren und einige Gulden, je nach Alter mehr oder weniger.

Schwabenkinder – auf dem Kindermarkt „verkauft“

In Ravensburg auf dem Kindermarkt werden die Kinder von den schwäbischen Bauern begutachtet und mit dem sie begleitendem Mesmer ein Preis ausgehandelt. Jakob hat Glück, der Bauer, der ihn aufnimmt ist freundlich. Sein kleiner Bruder Kilian, mit dem er am liebsten zusammen geblieben wäre kommt zu einem Bauern in der Nähe, so dass Jakob ihn sonntags besuchen kann. Obwohl es ihm recht gut geht, plagt Jakob das Heimweh und die Sorge um seinen Bruder, der es nicht ganz so gut getroffen hat. Die Entbehrungen zu Hause in Tirol sind schlimm, der ständige Hunger und Mangel an allem. Trotzdem wäre er lieber dort. Er beginnt sich zu fragen, warum es arme und reiche Bauern gibt, warum seine Eltern ihn weggeschickt haben, und warum es Menschen gibt, die sich nicht an das halten, was sonntags in der Kirche gesagt wird und denen dennoch nichts geschieht.

Für die meisten Kinder in Deutschland ist es heute kaum vorstellbar, wie es ist, ständig Hunger zu haben, oder ständig müde zu sein, weil es jeden Tag von früh bis spät viel Arbeit gibt. Manfred Mai, der schon rund 150 Bücher veröffentlicht hat, beschreibt einfühlsam und gut nachvollziehbar wie es den Kindern ergeht. Viele der Gefühle die Jakob hat, das Heimweh, die Sorge um den Bruder und die Fragen nach der Gerechtigkeit, beschäftigen auch heutige Kinder. Das Buch vermittelt einen guten Eindruck über das Leben in einer Zeit, die schon weit zurück zu liegen scheint. Das manche Kinder bis in die 1950er Jahre hinein, dieses Schicksal durchlebten erscheint kaum vorstellbar und verdeutlicht den Wohlstand der heutigen Zeit.

Das Buch bietet viel Stoff für Gespräche und es wird sich herausstellen, dass viele Fragen, die Jakob sich stellt, auch heute noch aktuell sind. Hunger, besonders bei Kindern und Kinderarbeit sind in vielen Ländern immer noch gegenwärtig. Die Ungleichverteilung von Wohlstand und der Umgang mit Vorurteilen lassen sich auch in Deutschland thematisieren.

Autor Manfred Mai

Nachdem Manfred Mai zunächst als Handwerker arbeitete und seinen Wehrdienst ableistete, wurde er über den zweiten Bildungsweg Lehrer. Seit 1978 schreibt er: Sein Werk umfasst neben Sachbüchern und dem hier besprochenen Roman auch leichtere Kost. So schrieb er bereits einiges für die Reihen „Leserabe“, „Bücherbär“, „Leselöwen“ und andere.

Das verkaufte Glück – Der lange Weg der Schwabenkinder, von Manfred Mai, mit Illustrationen von Henriette Sauvant, Ravensburger Buchverlag Otto Maier GmbH, 2013, ISBN 978-3-473-36869-3, 218 Seiten, ab 10 Jahre (14,99 Euro)

Tipps, um die „Reise in die Welt der Schwabenkinder“ für Kinder heute authentisch zu machen

  • In einem europäschen Verbund kümmern sich seit einigen Jahren verschiedene Stellen um diesen Teil der Geschichte. So gibt es in Österreich, Südtirol, Liechtenstein und der Schweiz sowie in Oberschwaben in verschiedenen Museen Ausstellungen zum Thema „Schwabenkinder“ Außerdem Themenwanderwege auf den Pfaden der armen Bauernkinder und an deren alten Arbeitsstätten vorbei. Auf geführten Wanderungen erfahren Eltern und Kinder mehr über das Schicksal der Schwabenkinder und anderer armer Auswanderer. Vor dem nächsten Kurzurlaub vielleicht einmal nachschauen: Mehr dazu unter www.schwabenkinder.eu

 

  • Wer zufällig in Oberschwaben unterwegs ist: Im Bauernhofmuseum Wolfegg können Kinder in einer Dauerausstellung den Alltag und Arbeitsalltag der Kinderarbeiter vor hundert und mehr Jahren erleben. Biographien einiger Kinder, museumspädagogische Angebote wie Schnitzen eines Hütestabs oder Kochen eines einfachen Bauernessens lassen Geschichte lebendig werden.

 

  

 

 

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