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Und was sagen die Kinder dazu? Zehn Jahre später

Es geht um Regenbogenfamilien. Stephanie Gerlach und Uli Streib-Brzic – selbst Eltern mit eigenen Regenbogenfamilien – haben noch einmal die Kinder befragt, die sie im ersten Band interviewt hatten: Wie ist das, mit zwei Mamas oder Papas groß zu werden? Ihre „Kinderinterviews“ sind gleichfalls abgedruckt und die mittlerweile jungen Erwachsenen blicken in neuen Interviews mit Abstand auf ihre Kindheit zurück.

Wie ist Kindheit in einer Regenbogenfamilie?

Und, wie ist es? Nun, wer die Interviews nacheinander wegliest, wird feststellen: Fast alles ist so, wie es bei tausenden anderen jungen Erwachsenen ist, wenn sie auf ihre Kinderzeit zurückblicken: Manches Gutes, manches Schlechtes – es sind viele Patchwork-Geschichten darunter, mit allen Schwierigkeiten und Geschenken, die solch eine Familie mit sich bringt. Natürlich sind die Geschichten sehr unterschiedlich, je nachdem, wie die einzelne Familie war, ob Geschwister da waren, wie sich die jungen Menschen im Leben zurechtgefunden haben.

Sind Regenbogenfamilien ganz normal? Ja, na klar. Wir haben darüber auch schon geschrieben. Im Buch findet sich eine Einschränkung: Fast alle Befragten sprachen darüber, wie es war, wenn andere auf „ihr“ Familienmodell reagierten. Das war meistens gut, manchmal aber auch nicht – auf jeden Fall mussten sich die Regenbogen-Kinder schon früh mit ihrer eigenen Familie auseinandersetzen. Bei vielen hatte das positive Auswirkungen: Sie reflektierten ihre Umgebung, schauten sich ihre Klassenkameraden, die Sportkollegen genauer an.

Ein sehr interessantes und authentisches Buch, nicht nur für Eltern von Regenbogenfamilien. Sondern für alle Eltern, wenn sie sehen wollen, welche Erfahrungen Kinder in ihren Familien machen und was eigentlich heute als Familie „normal“ ist – nämlich glücklicherweise alles, was für Kinder (und Eltern!) gut ist.

Gab es weitere Erfahrungen, „zwischen den Zeilen“, wenn die Autorinnen ihre „Schützlinge“ besuchten? Ich habe bei der Autorin Stephanie Gerlach selbst nachgefragt:

Für eigentlich alle Kinder war und ist es ein seltsames Gefühl, rechtlich anders behandelt worden zu sein als Kinder in „normalen Ehen“. Schließlich haben sie zwar zwei Elternteile, sind aber von einem adoptiert worden – auch wenn die Eltern bereits vor ihrer Geburt verheiratet waren, also in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft wohnten. Das ist schade, denn es gibt den Kindern ein Gefühl, welches nicht sein müsste – auch wenn sie am Tag der Adoption selbst und während der Vorbereitungen dazu (z.B. Besuch vom Jugendamt) noch zu klein waren, um sich zu wundern, das kam später. Am liebsten wäre es eigentlich allen Kindern, dass diese Familienform überall so akzeptiert ist, dass es normal ist und niemand mehr darüber reden muss.

Welche Erkenntnisse waren für die Autorin selbst neu beim Nachfolgebuch? Neu und anders als vor zehn Jahren war für Stephanie zum einen das Thema „Transgender“ – welches vor zehn Jahren noch nicht im Licht der Öffentlichkeit stand. Und neu sind leider auch die wieder aufkeimenden Vorurteile gegen lesbische und schwule Lebensformen. „Das hätte vor zehn Jahren niemand so erwartet“ sagt sie und sorgt sich um Toleranz im Allgemeinen in unserer Gesellschaft.

Wird es ein Buch „Zwanzig Jahre später“ geben? Stephanie hofft, dass da nicht nötig sein wird – und ist da aufgrund der schon angesprochenen aktuellen Entwicklungen in Richtung Intoleranz leider kritisch. „Alles was wir uns erkämpft haben, kann uns wieder genommen werden“, sagt sie. Ein wahres Wort, welches nicht nur für Eltern von Regenbogenfamilien gilt, sondern für uns alle, die in einer offenen und toleranten Gesellschaft leben wollen.

Uli Streib-Brzic und Stephanie Gerlach: „Und was sagen die Kinder dazu? Zehn Jahre später!“ Querverlag 19,90 Euro

Zensus 2011 – Regenbogenfamilien sind Alltag

Was ist eigentlich Familie? Die Zahlen aus dem aktuellen Zensus des Statistischen Bundesamtes in Deutschland zeigen uns die Wirklichkeit abseits von idealisierender Werbung.

Die aktuellen Zahlen der letzten Bevölkerungsbefragung 2011 (das ist für bundesweite Statistiken wirklich aktuell) zeigen uns beispielsweise, wieviele Kinder in Deutschland in sogenannten Regenbogenfamilien aufwachsen – und dass es davon immer mehr gibt.

Regenbogenfamilien – was ist das denn? Grundlage einer Regenbogenfamilie ist die gleichgeschlechtliche Partnerschaft. Einige davon sind verheiratet, leben also in sogenannten eingetragenen Lebenspartnerschaften. Und immer mehr leben als Familie mit Kindern, also als Regenbogenfamilie. Entweder hat ein Partner die Kinder aus einer anderern Partnerschaft mitgebracht oder währenddessen zum Beispiel durch künstliche Befruchtung bekommem. Oft wird das Kind in der gleichgeschlechtlichen Ehe dann von der jeweils anderen Partnerin oder dem Partner über die sogenannte Stiefkindadoption als gleichberechtigter Elternteil adoptiert.

Zahl der Regenbogenfamilien wächst

Im Mai 2011 gab es in Deutschland knapp 34 000 eingetragene (gleichgeschlechtliche) Lebenspartnerschaften, davon waren rund 40 % Lebenspartnerschaften von Frauen. Insgesamt lebten 5 700 Kinder in Familien, deren Eltern eine eingetragene Lebenspartnerschaft führten, die meisten davon (86 %) in Lebenspartnerschaften von Frauen. Dazu zu rechnen (und zu denken) sind Kinder, die im Hause gleichgeschlechtlicher Partnerschaften leben, deren Eltern keine eingetragene Lebenspartnerschaft haben. Dazu vielleicht auch noch einige Fälle mehr, die sich seit dem Stichtag der Zählung 2011 ergeben haben.

Diese Regenbogenfamilien sind demnach keine Randerscheinung in der Gesellschaft, sondern genauso ein Teil der Vielfalt, in der es heute Familie gibt: Familien mit Alleinerziehenden, Patchwork-Varianten und natürlich auch die klassische Familie „Mama,Papa, Kind(er). Da ist es nur folgerichtig, dass das Bundesverfassungsgericht am 6. Juni 2013 entschieden hat, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften steuerlich genauso gestellt werden müssen, wie Ehepaare. Da mag man über das Ehegattensplitting für Ehen ohne Kinder denken wie mal will, am ehesten werden wohl die Paare mit Kindern profitieren. Denn schließlich arbeitet dort meist ein Partner weniger, um das oder die Kind(er) versorgen zu können.

Mehr zum Thema: Mama, Mama, Kind

Illustration: Isabelle Dinter

 

Mama, Mama, Kind – über den Alltag, kein normales Familienmodell zu leben

Sie haben Kinder, leben als Familie mit ihnen zusammen und sorgen für sie. Aber ihr Familienmodell ist nicht das gewohnte „Vater, Mutter, Kinder“. Ist es eigentlich wirklich so einfach, heutzutage Familie anders zu leben? Wir haben mal gefragt.

„Ich finde uns spießig hoch drei“ sagt Alexandra* aus Hamburg. Die 43-jährige Rechtsanwältin lebt gemeinsam mit ihrer eingetragenen Lebenspartnerin und ihren beiden Anderthalbjährigen Zwillingsmädchen, die sie mit Hilfe eines Samenspenders bekommen hat. Und natürlich ist der Alltag der ungewöhnlichen Familie mehr als gewöhnlich: Essen, Schlafen, Spielen, Kita… In der Kita war es sogar vielleicht ein Vorteil, „etwas anders“ zu sein – „die mögen das da gemixt“, sagt die Mutter.

Alles super, alles easy, wir sind tolerant? Haben wir uns alle so gut an die „Pluralisierung der Lebensformen“ ab dem späten 20.Jahrhundert“, wie es Wikipedia so schön formuliert, gewöhnt?

Auch die Familie von Felipe hielt immer fest zusammen – der gebürtige Kolumbianer, der für seine Promotion in den achtziger Jahren nach Deutschland kam, zog lange Jahre seine beiden Töchter alleine groß.

„Normalität“ in Zahlen
In Deutschland ist zur Zeit jeder fünfte Elternteil alleinerziehend – wenn auch nur in jeder zehnten Ein-Eltern-Familie der Väter die Hauptbetreuung übernommen hat. (Quelle: http://www.sueddeutsche.de/leben/familien-studie-jeder-fuenfte-alleinerziehend-1.981502). Regenbogenfamilien sind da noch außergewöhnlicher: Circa 19.000 Kinder (Quelle: http://www.zeit.de/2011/09/Familie-Lesbische-Eltern) leben 2011 in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften – häufig aus einer ehemaligen heterosexuellen Beziehung „mitgebracht“: Kinder, die von den Lebenspartnerinnen oder Lebenspartnern adoptiert wurden oder mittels Samenspende in eine gleichgeschlechtliche Ehe geboren wurden, sind noch seltener.

Formale Probleme

Obwohl sie mit den beiden Zwillingsmädchen auffallen, kann Alexandra nur sehr selten von „schiefen Blicken“ oder ähnlichem berichten, wohnen sie doch alle in der Großstadt. Die Kinder der heterosexuellen Freundinnen fragen schon mal, finden aber die Erklärung „Die Babys haben zwei Mamas“ dann auch ganz normal. Probleme gibt es in ganz anderen Bereichen: Zum Beispiel die Auslandskrankenversicherung. Normalerweise sind Kinder in einem Haushalt bei einem Versicherungsnehmer automatisch mitversichert – aber ist das auch bei eingetragenen Lebenspartnerschaften mit Nachwuchs so? Bei der Versicherung wusste man es nicht genau. Alexandra und ihre Frau mussten mehrfach nachfragen, bis das o.k. kam und die Reise nach Mallorca mit den Mädchen möglich war.

Oder das leidige Thema Geld: Obwohl Alexandras Frau zur Zeit drei weitere Personen im Haushalt mitfinanziert, wird sie besteuert wie ein Single – und wie fast jede Familie könnten sie diese Extra-Euros gut gebrauchen. Außerdem läuft gerade das Adoptionsverfahren, in dem Alexandras Frau in der sogenannten Stiefkindadoption – also als nicht leibliche Mutter – die Mädchen adoptieren darf. So ein Verfahren darf man erst nach einem Jahr anstrengen, das ist Gesetz. „Und wenn mir in der Zwischenzeit etwas passiert“ – so die Bedenken Alexandras. Ja, was wäre dann? Würde eine Behörde die kleinen Kinder zu einem Mann geben, den sie kaum kennen? Übrigens wird sich die Steuerklasse der Haupt-Verdienerin auch nach der Adoption nicht ändern – nur den Kinderfreibetrag bekommt sie dann.

Beruflich zurückgesteckt

Allein als „Mama mit Bart“, wie er sich selbst bezeichnete, war Felipe mit seinen beiden Töchtern in den achtziger Jahren. Damals war es vielleicht gesellschaftlich noch schwieriger, ein ungewöhnliches Familienleben zu führen. Kontakte mit anderen Müttern waren schwierig, da diese ihn manchmal misstrauisch beäugten – hat der Mann seiner Frau die Kinder weggenommen? Manchmal verfolgten alleinerziehende Mütter auch ganz andere Absichten bei dem alleinerziehenden Vater als nur einen harmlosen „Kinderkontakt“. Felipe wollte darauf nicht eingehen und musste manchmal einen „diplomatischen Schlingerkurs“ verfolgen, um seinen Kindern weiter die Kontakte zu der einen oder anderen anderen Familie zu ermöglichen.

Wie alle Alleinerziehenden musste er sich zwischen Kindern, Haushalt und Arbeit aufteilen. „Es gab viel Pizza“ so seine erwachsene Tochter heute lakonisch zum heimischen Herd von damals. Und wirklich findet man auch heute noch auf Webseiten für alleinerziehende Väter gerne mal ein Kochtipp oder Putztipps. Felipe jedenfalls – immer in leitender Position als Ingenieur bei einem großen Konzern – kann sehr genau einschätzen, dass er heute sicher eine besser gestellte und besser bezahlte Position im Unternehmen hätte, hätte er damals nicht immer auf die Uhr schauen müssen, um die Familientermine einzuhalten. Das konnten die Kollegen nicht verstehen, und es ist fraglich, ob dies heute anders wäre.

Aber wenigstens konnte Felipe den Unterhalt seiner Familie finanzieren – darüber wären die rund 600.000 Mütter in Deutschland, die heute von Hartz IV leben müssen, sicher froh.

Und die Kinder?
Wie fühlen sich die Kinder, wenn sie „anders“ sind? Laut einer Studie über Regenbogenfamilien der Staatsintituts für Frühpädagogik in München und des Bayerischen Staatsintitust für Familienforschung an der Universität Bamberg (ifp) finden sich keine Anzeichen für höhere „Verwundbarkeiten“ von Kindern aus Regenbogenfamilien. Häufig haben sie sogar ein stabileres Selbstwertgefühl als ihre Altersgenossen. Entscheidend für eine Entwicklung ist wohl nicht die sexuelle Orientierung der Eltern, sondern die Beziehungsqualität und das Klima der Familie – so die Autoren der Studie. Das trifft sicher auch auf andere Familienkonstellationen zu.

Fazit

Gesellschaftlich sind wir tolerant – vielleicht nicht überall und nicht überall gleich, aber meist lassen wir Familien leben, wie sie leben wollen. Formal hapert es oft noch – Behörden können manchmal mit Situationen nicht umgehen, die aus dem Rahmen fallen, Gesetze und Verordnungen hinken zum Teil der realen Welt hinterher. Schlimm war es und ist es noch immer beim Thema Kinder in der Arbeitswelt. Doch die demographische Entwicklung der nächsten Jahre wird sicher Dinge ändern und als Katalysator wirken. Trauriges Fazit auch: Die Lebensleistungen, die erbracht wurden und werden, um Kinder groß zu ziehen – allein, mit zwei Frauen oder als Paar unter manchmal schwierigen Bedingungen – werden oft nicht honoriert. Nicht gesellschaftlich und schon gar nicht finanziell.

Staatliche Institutionen wissen es schon, denn die Experten des siebten Familienberichtes des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend haben es ihnen schon 2006 sehr schön formuliert gesagt:Die Zukunft von Familie als Lebensform, ob nun gesetzlich formalisiert oder nicht, dürfte also nicht unerheblich davon abhängen, ob sie als Gewinn und wechselseitige Unterstützung für ihre Mitglieder gesehen und gelebt werden kann, oder ob sie sich an gesellschaftlichen Rahmenbedingungen reibt, die den Entschluss zur Familiengründung und die alltägliche Lebensführung eher erschweren denn erleichtern.

Quelle: Siebter Familienbericht: http://www.bmfsfj.de/doku/familienbericht/haupt.html

Weiterführende Links Alleinerziehende

http://www.die-alleinerziehenden.de

http://www.vamv.de/

Weiterführende Links Regenbogenfamilien

http://www.regenbogenfamilien.net

http://www.eltern.de/foren/regenbogenfamilien/

Nachtrag 2013: Ein neues aktuelles Familienmagazin für Regenbogenfamilien: www.rainbowfamilynews.de

* Namen sind der Redaktion bekannt

Foto: Deutsche Bundespost 1994, gemeinfreie Verwendung