Die Suche nach dem Krippenplatz

Traditionell standen schon immer ein paar Esel um eine Krippe herum. Knappe 2000 Jahre später hat sich an diesen biblischen Verhältnissen nicht viel verändert. Die heutigen Esel umlagern die neuzeitigen, urbanen Krippen mit der unfassbaren Forderung, ihre nicht mehr ganz neugeborenen Kinderlein aufzunehmen.

Aber statt wie damals königlichem Besuch mit kostbaren Geschenken beizuwohnen, erfahren die modernen Esel, heute auch Eltern genannt, dass es in dieser oder jener Herberge kein Platz gibt.

Kein Platz in der Herberge, äh Krippe

Da helfen auch kein gequältes Aufbäumen und der Hinweis auf Berufstätigkeit, teure Mieten, dringendem Bedarf und einer aktuellen Wartezeit, die lediglich um Stunden die Spanne von Schwangerschaft und bisheriger Lebenszeit des Kindes übersteigt. Ungehört verhallt das Flehen und störriges Verharren mittels Telefon oder persönlicher Anwesenheit im Wahrnehmungshorizont des jeweiligen Krippenpersonals.

Große Gruppen von Eseln versammeln sich zu Tagen der offenen Türen und werden in großen Scharen in farblich ansprechend gestaltete, geschmackvoll eingerichtete Krippen gescheucht, in dem motiviertes Personal mit leuchtenden Augen das pädagogische Konzept erklärt. Traurig blicken die Esel umher und versuchen mit glänzenden Fell und besonders liebreizend gekleidetem Nachwuchs die Hüter der Krippen von sich und dem Kinde zu überzeugen.
Mittlerweile würden viele Esel in ihrer Verzweiflung ihren Nachwuchs in grottigen Altbauwohnungen bei Wasser und Brot lassen, wenn, nur wenn es auch dort einen Betreuungsplatz gäbe.

Reiche Esel wählen eine private Krippe

Sehr reiche Esel oder vor Verzweiflung schon wahnsinnig Gewordene, wählen deshalb gleich eine private Krippe, die mit Hochglanzprospekten, Conciergeservice, Yogastunden und selbstverständlich Englischunterricht wirbt – alles schon zum Preis einer Halbtagsstellenlohnzahlung eines normalsterblichen Esel.

Ab August treibt man die Esel vor Gericht, damit sie ihr neues Anrecht auf einen Platz in der Krippe einklagen können. Doch dämmert es jetzt schon auch dem dümmsten Esel, dass es dadurch nicht mehr gute Hirten, auch Erzieher genannt, geben wird. Diese Spezies ist so rar wie ein olivenessendes Kleinkind und besonders in Ballungsräumen dank schlechter Bezahlung extrem selten auf dem Arbeitsmarkt anzutreffen.

Die Esel werden also weiter vor den Krippen stehen, nur wenig später vor den Kindergärten, den Horten und noch ein paar Jahre später vor den Alten und Pflegeheimen. Geduldig, beharrlich, stoisch! Was für ein Eselleben!

Dagmar Martin

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