Der 1. Tag ohne Mama – Tipps für weinende Mütter

Tränen schießen Christine (32) in die Augen, wenn sie von ihrem Benjamin (4) erzählt. Seit Wochen gibt es nahezu jeden Morgen das gleiche Theater: Die junge Mutter lässt im Kindergarten ein weinendes Kind zurück. Voll Sorge und schlechtem Gewissen verbringt sie die Stunden bis zum mittäglichen Abholen. Nachmittags macht der Kleine seine großen Geschäfte wieder in die Hose, obwohl er eigentlich längst allein auf die Toilette gehen könnte.  „Ich will so nicht mehr weiter machen“,  ist sich Christine sicher. „Ich kann mein schreiendes Kind einfach nicht mehr abgeben!“ Doch wie einen Ausweg aus dieser Krise finden?

Die ersten Lebensjahre des Kindes ist ein einziges Abschiednehmen. Es beginnt mit der Geburt, der Trennung von der Mutter, dann wird es von der Mutterbrust entwöhnt, bekommt als Ersatz den Schnuller, der auch irgendwann in den Mülleimer wandert. Es folgen kurzzeitige Trennungen von der Mutter,  wenn Papa oder ein Babysitter einspringt. Auch jeden Abend steht eine Trennung bevor: Das „Ins-Bett-Gehen“ ist für Kleinkinder immer wieder ein Abschiednehmen von den Eltern, den Geschwistern und vom Tag.  Das Kind spürt, dass es allein sein muss, bis der neue Tag beginnt. Dieser Übergang von den Aktivitäten des Tages zur Ruhe der Nacht, verlangt auch Loslösen und Abschied.

Schwieriger Neuanfang

Im Leben eines Kindes gibt es Einschnitte, die besondere Herausforderungen mit sich bringen und bewusst begleitet werden sollten. Dazu gehört der Start in Kinderkrippe und Kindergarten. „Vielleicht versetzen Sie sich einmal in die Situation des Kindes hinein“, schlägt die Sozialpädagogin Gabi Stephan vor. „Von einem Tag auf den anderen soll ihr Kind allein in einer ungewohnten Umgebung bleiben, mit fremden Erwachsenen und Kindern. Und noch dazu jeden Tag.“ Die Münchnerin leitet Eltern-Gesprächskreise im Landkreis München. http://www.montessori21.de/akademie/

„Ich frage dann immer: Was kann dem Kind und der Mutter in dieser Situation helfen?“, erklärt Gabi Stephan. „Meist kristallisiert sich heraus, dass es auch für die Eltern wichtig ist, sich auf diesen neuen Prozess einzustellen.“ Man sollte sich und dem Kind Zeit geben. „Verstehen Sie die Ängste ihres Kindes und nehmen Sie diese an“, empfiehlt die Pädagogin. Wenn sich Kinder gedrängt fühlen, werden sie zusätzlich verunsichert. Ihr Tipp für alle neuen, ungewohnten Situationen: „Sprechen Sie mir ihrem Kind über das was jetzt geschieht und zeigen Sie ihre Anteilnahme. So erlebt es, dass ernst genommen und verstanden wird.“

Trennungen üben

„Üben Sie vor dem Kindergartenbesuch gelegentliche Trennungen“, empfiehlt Erika Veit, ehemalige Leiterin eines Kindergartens in Miesbach. „Bei Besuchen auf Spielplätzen oder in Spiel- und Krabbelgruppen gewinnt ihr Kind die Sicherheit, dass es von Ihnen nicht im Stich gelassen wird“.

In den drei Gruppen „ihres“ Kindergartens ist es üblich, dass die neuen Kinder zu Kurzbesuchen und Schnuppertagen kommen. Wenn erforderlich, können die Mütter ihre Kinder auch in die Gruppen begleiten. So lange, bis die Kinder sich sicher fühlen und alleine bleiben. „Vermeiden Sie lange Abschiedszenen“, rät Erika Veit. „Das tut beiden weh und nützt niemandem.“ Ein langer Abschied verunsichere das Kind, so die Erzieherin, das sonderbare Verhalten der Mutter schüre seine Ängste.

„Hänschen klein, ging allein …“

Nach einer Beratung durch Gabi Stephan und dem Gespräch mit Benjamins Erzieherin entspannte sich für Christine und ihren Sohn das morgendliche Abschiednehmen relativ schnell. „Im Nachhinein glaube ich, dass das Benjamin einfach nur spürte, dass sich meine Haltung ihm gegenüber verändert hat“, erinnert sich die zweifache Mutter. „Ich habe eingesehen, dass es mehrere Wege gibt, mit ihm den Start in den Kindergarten zu gestalten.“ Sie wäre jetzt auch mal einen Vormittag bei ihm in der Gruppe geblieben. Dadurch, dass sie ihr verkrampftes Verhalten gelöst habe, habe ich auch ihr Sohn entspannt, ist die junge Mutter überzeugt. Von einem Tag auf den anderen sei auch die Hose auch wieder sauber geblieben.

Doch nicht nur für die Kleinen ist das Abschiednehmen schwer. Auch viele Mütter kämpfen mit ihren Gefühlen. Nach jahrelangem, intensiven Zusammenleben  soll man sein Kind fremden Leuten anvertrauen, die mit ihm spielen, lernen und lachen. „Mir gab es einen richtigen Stich ins Herz, als ich sah, wie eine Kindergärtnerin mein Kind herzte“, erinnert sich Astrid als sie ihre Magdalena (3) zum ersten Mal allein im Kindergarten zurück ließ.

Entscheidende Lebenseinschnitte bedeuten immer Veränderungen  – und damit auch Abschied von Gewohntem. Abschiednehmen ist nicht allein die Aufgabe des Kindes, sondern auch der Eltern. Neu ist diese Erkenntnis nicht, nur der Umgang damit. Davon erzählt bereits das bekannte, über 200 Jahre alte Kinderlied „Hänschen klein, ging allein in die weite Welt hinein…“

Von Lisa Hilbich

Foto: Bundesarchiv, Bild 183-37156-0001 / CC-BY-SA

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